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Grün.Licht.Raum

Barbara Armbruster und Julia Kernbach

GRÜN. LICHT. RAUM
Barbara Armbruster – Julia Kernbach
Vernissage im Kunstverein Engen, 23. März 2018
Grün. Licht. Raum. Drei Schlagworte, die sogleich eine Fülle von Assoziationen auslösen: Natur und Landschaft, Pflanzen und Sonne, Helligkeit und Schatten, Farbe und Bewegung, Weite und Offenheit, Wachstum und Veränderung. Ein solch vielfältiges und vielschichtiges Beziehungsgeflecht eröffnen uns die Arbeiten von Barbara Armbruster und Julia Kernbach. Ihre gemeinsam konzipierte und in gemischter Hängung realisierte Ausstellung entfaltet sich im spannungsreichen Wechselspiel zwischen Malerei, Zeichnung, Fotografie, Installation und Objektkunst.
Barbara Armbruster, geboren in Bad Waldsee, absolvierte ihre künstlerische Ausbildung von 1994-99 an der Kunstakademie in Stuttgart, wo sie anschließend bis 2001 Meisterschülerin bei Prof. Marianne Eigenheer war. In den Jahren 1999 bis 2005 und 2010 bis 2012 lebte sie abwechselnd in Stuttgart und Kairo (wo ihr Mann Jörg Armbruster als ARD-Nahost-Korrespondent arbeitete). Seit 2013 ist Stuttgart wieder ihr Lebensmittelpunkt. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im deutschen Südwesten und in Kairo machen seit 2001 das künstlerische Schaffen erfolgreich einem internationalen Publikum bekannt.
Im Mittelpunkt von Barbara Armbrusters Werk steht ein kulturübergreifender Ansatz. Mit den verschiedenen Medien und Ausdrucksmitteln von Zeichnung, Malerei und Rauminstallation erkundet sie einen interkulturellen Kontext zwischen Ost und West, Orient und Okzident, im Sinne eines Austausches und Dialoges von Kulturkreisen und Gesellschaften, Tradition und Moderne, Geschichte und Gegenwart. Eine ganz wesentliche Grundlage für ihren ästhetischen, gestalterischen und gedanklichen Prozess bildet dabei der langjährige Aufenthalt in der ägyptischen Millionenstadt Kairo. „Mich interessieren Räume, Strukturen und Identitäten, kulturelle und gesellschaftliche in unserer globalen Welt“, erklärt Armbruster die Intention ihres Schaffens.
Und so eröffnet sich dem Betrachter in ihren teils großformatigen Gemälden und Graphitzeichnungen ein komplexes und beziehungsreiches Gefüge nicht nur zwischen den Bildtechniken, Materialien, Motiven und Themen sondern vor allem auch zwischen östlichen, arabischen Kulturen und westlichen Sichtweisen, zwischen Bildsprachen und Wahrnehmungsformen, Lebensräumen und Zeitepochen.
Bevorzugt arbeitet Armbruster in konzeptuell angelegten Werkserien, in denen sie ein bestimmtes Thema variantenreich durchspielt. In den Bleistiftzeichnungen der Werkgruppe „Magnomax“ von 2017 artikuliert sich exemplarisch ihre Bildidee einer kulturübergreifenden Ästhetik: Stillebenartig kombiniert ist die große Blüte einer Magnolie mit der eher lederartigen Oberfläche des afrikanischen Bombax-Baumes sowie mit einem orientalisch anmutenden Farbornament im Hintergrund. Verweist die in Europa so beliebe Magnolie auf den westlichen Kulturraum, so mag der vor allem für die Parks in Kairo so markante Bombaxbaum für den arabischen Kontext stehen. Durch die kleinteilige, abstrakt-geometrische Binnenstruktur der gezeichneten Flächen kommt – laut Armbruster – „eine dritte Ebene“ in die Darstellung: „Denn beide Baum- und Straucharten weisen biologische ähnliche Eigenschaften auf, haben aber unterschiedliche Ursprungsländer und passen sich der neuen Umgebung an, sind also eine Bereicherung für die Menschen beider Regionen“.
Im Medium der Zeichnung verdichtet Armbruster die Linie zu filigran strukturierten Umrissflächen und subtil differenzierten Hell-Dunkel-Kontrasten. Meist vor neutralem Grund und nahsichtig an das Betrachterauge gerückt erscheinen vegetative Elemente wie fragmentarische Versatzstücke der realen Dingwelt. In Arbeiten wie Sie sie von der Einladungskarte her kennen, kombiniert Armbruster die vertrauten Pflanzen- und Naturformen gezielt mit arabisch inspirierten Ornamenten, so daß ein gleichsam schwebend wirkender Dialog der Bildzeichen entsteht, geprägt von Leichtigkeit, Offenheit und Harmonie.
Altägyptische Kultur und europäische Flora durchdringen und überlagern sich in der Zeichnung „Nofretete, Nilgras und Alte Kiefer“ von 2018. Armbrusters Strich gleicht dabei einer ebenso sensibel tastenden wie kraftvoll zupackenden Spurensuche zwischen östlicher und westlicher Erfahrungswelt. Dabei wirken die zeichenartigen Formchiffren wie Zeit und Raum entrückt und entwickeln ein mehrdeutiges, durch den besonderen Zeichenstil vibrierendes Eigenleben.
Das gilt ebenso für die monumentale Komposition „Koloss mit Mammutblatt beflügelt“. Wie an einer langen Nabelschnur rankt das große Blattelement aus der wuchtigen Figur in den freien Bildraum. Armbruster entwirft eine Zusammenschau der archaischen Kolossalstatue aus vorgriechischer Zeit mit der exotischen, aus Südamerika stammenden Pflanze und einem griechischen Ornament im Sinne einer fast abstrahierten Verknüpfung verschiedener Kulturräume und Zeitepochen, aber auch der Gegensätzlichkeiten von Bewegung und Statik, luftiger Leichtigkeit und massiver Schwere. Wie in vielen anderen Arbeiten von Barbara Armbruster treffen hierin exakte Formgebung und freie Liniengestik ausdrucksvoll aufeinander.
Julia Kernbach, 1978 in Ravensburg geboren, studierte von 1999 bis 2006 Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf bei Thomas Ruff, dessen Meisterschülerin sie zuletzt war. Seit 2003 machen zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Finnland ihr Werk einem internationalen Publikum bekannt. Julia Kernbach lebt und arbeitet heute in Düsseldorf.
In ihrem Schaffen verfolgt Kernbach einen freien und experimentell angelegten Umgang mit dem Medium der Fotografie. So entfalten sich ihre Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Foto- und Objektkunst und loten Bereiche aus zwischen Beobachtung und Inszenierung, Erzählung und Verfremdung. Abseits der herkömmlichen Vorstellung von Fotografie ist das Medium für Kernbach nicht ein Mittel der Dokumentation oder des bloßen Abbildens der äußeren Realität, sondern vielmehr der gestalterisch variable Rohstoff, um ganz neue Wege in der Wahrnehmung und Präsentation von Fotografie einzuschlagen.
In einem assoziationsreichen Prozess kombiniert Kernbach Ausschnitte und Fragmente von eigenen Fotoarbeiten sowie Reproduktionen aus Bildbänden und Katalogen mit ausgeschnittenem Tonpapier, aufgeklappten und gebogenen Passepartouts für Negativabzüge, gefaltetem Transparentpapier, spiegelnden Oberflächen sowie gezielten zeichnerischen Eingriffen und verdichtet dies zu komplexen Material-Collagen. Durch plastische Elemente erweitert Kernbach die tradierte Zweidimensionalität der Fotografie ins Räumliche. Die so entstandenen Arbeiten gewinnen reliefartige Wirkung und entfalten durch die Präsentation in Schaukästen eine objekthafte Anmutung. Mit gleichsam spielerischer Experimentierfreude verwischt die Künstlerin dabei die Grenzen zwischen Fläche, Wand und Raum.
„In meinen Arbeiten“, erklärt Julia Kernbach, „gehe ich der Frage nach, wie sich in der Fotografie ein dreidimensionaler Raum auf dem flachen Fotopapier abbilden lässt. Das ist ja eine unlösbare Herausforderung. Insofern kreise ich um Themen, die der Fotografie verwandt sind oder mit ihr zu tun haben, wie Licht, Schatten, Zeit und versuche mich darüber der Fotografie auf einem anderen Weg zu nähern.“ In den Foto-Collagen, die wie kleine Kabinettstücke, ja wie miniaturhafte Installationen wirken, mit Titeln wie „Schatten“, „Offenes Fenster“ oder „Glashaus“, entwirft sie einen vielschichtigen Bilderkosmos aus Schwarz-Weiss-Kontrasten, abstrakten Flächenformen, naturhaften Silhouetten, fensterartigen Durchblicken, räumlichen Verschränkungen, so daß Nähe und Ferne, Außen und Innen, Details und Texturen, in irritierender Weise für den Betrachter verschwimmen und etwas ganz Anderes, Neues, Unerwartetes erzeugen.
Kernbachs Montagen erscheinen mal poetisch und geheimnisvoll, mal streng und konstruktiv, mal organisch bewegt, dann wieder konkret verfestigt. Stets überlagern sich gegenständliche Aufnahmen von Landschaften, Architekturen, Schatten oder Oberflächenstrukturen mit ungegenständlichen Bildelementen zu eigenwilligen Gebilden.
Kernbach evoziert stillebenartig minimalistische Räume, die uns verwirren und überraschen, uns aber auch zur vertieften Betrachtung einladen. Hinterfragt wir die Funktion und Bedeutung von Fotografie im Bezug auf ihre Abbildhaftigkeit des Sichtbaren. Auf raffinierte und gestalterisch virtuose Weise unterlaufen werden unsere Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsmuster. Kernbach möchte den Betrachter, wie sie sagt, „zum Nachdenken über seinen Standort während der Bildbetrachtung anregen“. Auch sollen „Strukturen und Ordnungen unserer Wahrnehmung in Bezug auf uns selbst und auf unsere Umgebung ausgelotet“ werden.
Dies zeigt sich vor allem auch in der Serie „Berge“, in der Ausschnitte von alpinen Landschaften durch den eher simplen Akt des Auf-den Kopf-Stellens eine völlig neue Aussageform und optische Präsenz erhalten. Durch die Drehung um 180 Grad wird unsere Aufmerksamkeit weg vom Motiv und hin zu den formalen Eigenheiten der schroffen Bergkulisse gelenkt: Schneeflächen, Felswände und Gipfel transformieren sich plötzlich zu autonomen Ausdruckselementen und gewinnen einen eindringlichen visuellen Reiz; das Abbild der scheinbar vertrauten Wirklichkeit wandelt sich ins Abstrakte und Fremdartige.
In ihrem Schaffen untersucht Julia Kernbach die traditionsreiche Gattung der klassischen Fotografie auf unverbrauchte, innovative Wirkungsmöglichkeiten. Sie definiert Fotografie nicht als Mittel zur bloßen Annäherung an die Realität sondern als selbständiges ästhetisches Medium, das seine eigene Bildwirklichkeit unabhängig vom gezeigten Motiv erzeugen kann.
Mit Barbara Armbruster und Julia Kernbach präsentiert der Kunstverein Engen zwei eigenständige Positionen der Zeichnung, Fotografie und Installation in der zeitgenössischen Kunst. Beide Künstlerinnen entwickeln in ihren Arbeiten unverwechselbare Bildsprachen, mit denen sie das scheinbar Vertraute wie auch das Andersartige in unserer Umwelt und Gesellschaft neu befragen. Gemeinsamkeiten sind vor allem in ihrem Umgang mit Licht, Raum und Strukturen zu finden. Mit ihren Collagen gelingt Julia Kernbach eine verblüffende Verräumlichung der Fotografie. Im Medium der Zeichnung, Malerei und räumlichen Intervention gelingt Barbara Armbruster eine gattungsübergreifende, kritische Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen von kulturellen und zeithistorischen Phänomenen. Wie in einem Gesamtkunstwerk, bei dem unterschiedliche Bereiche und Aspekte schlüssig ineinandergreifen, öffnet uns der Gang durch das Ensemble ein formal und inhaltlich weitläufiges Experimentierfeld und bietet verschiedenartige visuelle und intellektuelle Zugänge auf das Gezeigte. Lassen Sie sich – geschätzte Kunstfreunde – darauf ein!

© Dr. Andreas Gabelmann, Kunsthistoriker, Radolfzell

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