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Immergrün

Julia Kernbach - Stipendium der Staff Stiftung und Alte Hansestadt Lemgo

Eröffnung Julia Kernbach, Lemgo 18.03.2007
Immergrün

Verlockung und Gefahr – das waren meine ersten Assoziationen zum Begriff Wald. Das schien mir ein wenig schwammig, weswegen ich versuchte, noch mehr gedankliche Arbeit zu leisten, den Wald gedanklich einzukreisen, ihn zu durchforsten um schließlich seiner habhaft zu werden. Ganz praktisch verstehe ich mich also heute als Ihr Förster. Meine Aufgabe besteht ja nun einmal darin, Ihnen ein gedankliches Gerüst zu bauen, damit Sie –so hoffe ich- einen besseren Zugang zu den Fotoarbeiten Julia Kernbachs bekommen. Das heißt also, wenn wir Frau Kernbach in das Dickicht des fotografischen Waldes folgen, müsste ich Ihnen einige Brotkrumen auf den Weg streuen, damit Sie sich vor- und zurück orientieren können. Sie merken, ich bin schon wieder in einem Märchenwald.

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Wald hören? Denken Sie an Ihren liebsten Wanderweg im Teutoburger Wald, der Eiffel, dem Schwarzwald oder im Harz? Haben Sie einen konkreten Platz mit konkreten Bäumen vor Augen oder geht es Ihnen wie mir und Sie haben das Gefühl, Ihr ganzer Kopf ist voller Blätter und Geäst, voller Vorstellungen von Wildnis, Abenteuer, Natur, von Hänsel, Gretel, Verlorensein oder sogar der Hexe von Blair?

Wald – Märchenwald, Tropenwald, Mischwald, Urwald, Winterwald, Waldschrat, Laubwald, Waldgaststätte, Waldmeister, Schilderwald, den Wald vor Bäumen nicht sehen - welchen davon meint Julia Kernbach, welchen fotografiert sie und warum?

Im Grunde macht sie mit den Mitteln der Fotografie dasselbe wie Sie und ich in unseren Köpfen: Sie schichtet verschiedene An- und Einsichten in die Waldthematik übereinander. Und zwar so lange bis man sich, obwohl man alles meint erkennen zu können, darin verliert. In der Regel zeigt eine Fotografie etwas, das wir erkennen und dann mit der Realität vergleichen können, um daraus Rückschlüsse auf die so genannte künstlerische Intention zu ziehen. Julia Kernbachs Methode der Fotografie geht da noch einen Schritt weiter. Ihre Fotoarbeiten regen nicht nur dazu an, den von ihr fotografierten Wald mit einem realen Wald zu vergleichen, vielmehr geht die besondere Kraft dieser Arbeiten davon aus, dass sie uns zwingen zu überprüfen, was wir für Vorstellungen von einem Begriff wie „Wald“ haben, aus welchen Ablagerungen und Quellen sich unser persönliches Bild speist und schließlich sogar, wie eine Gesellschaft oder eine Sprache ein simples Wort mit Bedeutung und Assoziationen auflädt. Sicher kann man in dieser Tendenz zur Reflektion und Manipulation eines ehemals dokumentarischen Mediums erkennen, dass die 1978 geborene Künstlerin Thomas Ruff-Schülerin ist. Ihr Weg jedoch ist ein eigener und begann, jedenfalls was die Obsession mit Wäldern betrifft, in Argentinien. Dort entstanden die ersten Aufnahmen, deren Verfremdung sie noch nicht im Sandwich-Verfahren, wie hier zu sehen, organisierte, sondern in einer Drehung des Motivs um 90°. So macht sie von Anfang an deutlich, dass Struktur und innere Organisation entscheidend sind, nicht das Motiv oder gar die Exotik des Schauplatzes. Dass später auch der Teutoburger Wald und die Lemgoer Mark genutzt wurden, bestätigt das natürlich. Julia Kernbach sagte mir „Es könnten auch Blumen sein, aber mit dem Wald kommen mehr Assoziationen zustande.“

Dass hierbei Überlagerungen und Unschärfen entstehen, liegt in der Natur der Sache. Und genau darin liegt auch die Magie dieser Arbeiten, die nur allzu leicht als repetetiv abzutun sind. In Wahrheit sind sie sie aber alles andere als das: Sie bilden die Lebendigkeit des Sehens, des Wahrnehmens, des Sich-Begriffe-Bildens mit enormer Konsequenz und geradezu bewundernswerter geistiger Klarheit ab. Am Bild interessiert sie das Zustandekommen, die innere Organisation vielmehr als das Dargestellte. So geht es hier keineswegs, wie ich gerade schon sagte, um schöne oder schaurige Märchenwaldfotografien, sondern um eine Analyse unserer Wahrnehmungsgesetzmäßigkeiten, für die der Wald als das passendste Bild genutzt wird. Diese Stimmigkeit können wir als Betrachterinnen und Betrachter spüren. Stellen Sie sich vor eine dieser großformatigen Fotografien, müssen Sie sich zunächst physisch mit Ihrem Gegenüber in Beziehung setzen, einen Eingang, ein Schlupfloch, einen Pfad finden. Sind Sie erst einmal darin, kommen Sie so schnell nicht wieder heraus, weil sich natürlich Fragen über die Zusammensetzung der Wald- und damit der Bildstrukturen ergeben.

Der Wald eignet sich als Bildmotiv hervorragend, weil er etwas Pures suggeriert, eine Ursprünglichkeit der Wahrnehmung, die nicht von kulturellen Zeichen durchdrungen ist: Er ist selbst eines. Deutsche Mythen- und Kulturgeschichte ist ohne den Wald kaum denkbar. Weil wir nun wissen, dass ein Foto uns in der Regel nichts zuleide tun kann, wagen wir gern einen Exkurs mit unseren Augen in das Dickicht, das Julia Kernbach uns bereitet hat. Erholung oder romantische Zwiesprache mit der Natur wird allerdings verwährt: Indem die Künstlerin ein traditionelles Kompositionsschema weglässt und keine Sicherheit verheißende Rahmung anbietet, kommt es schnell zu einer Irritation des Blickes, zu einer Verunsicherung darüber, welchen Bereich man denn nun zu fokussieren hat. Mit Zufälligkeit hat dies allerdings nicht zu tun. Kernbach sammelt zunächst unendliche Massen an Waldansichten und wählt anschließend in mühsamer Vergleichsarbeit passende Paare für die Überlagerung aus. Allerdings folgt darauf noch die digitale Bearbeitung der einzelnen Schichten, so dass die Interaktion schließlich stimmig – aber alles andere als dokumentarisch ist. Die Frage nach dem Schauplatz ist hier ebenso obsolet wie die Vorstellung vom Bild als Authentizitätsbeweis.

Letzten Endes bleibt man sich selbst überlassen –allein im Wald mit all seinen Gefahren, die hier aber visueller Natur sind. Denn so wie ein Wald uns zeigen kann, dass die Natur mächtig und nicht immer vom Menschen zu dominieren ist, zeigt Kernbach in ihren Bildern auf, dass begriffliche und visuelle Vorstellungen ebenso schwer zu kontrollieren sind und ebenso häufig wie falsche Abzweigungen auf dem Wanderweg in Zonen der Gefahr oder wenigstens Überraschung führen.

Schon lange wird unser Denken von der Dichotomie Kultur-Natur beherrscht. Kernbachs Arbeit zeigt die Grenzen dieser gedanklichen Konzeption auf, indem sie ein Kulturprodukt, nämlich ihre Kunst, vorstellt, um darin die Natur wiederum Aussagen über die Kultur des menschlichen Denkens machen zu lassen- vielleicht diese sogar als wiederum natürlich auszuweisen. Hier eine Trennschärfe zwischen Kultur und Natur hineinzureden, wäre geradezu grotesk.

Wenn Sie nun noch einmal zu dem Bild in Ihren Köpfen zurückkehren, das sie sehen, wenn Sie das Wort „Wald“ hören. Fällt Ihnen noch etwas auf? Vermutlich gibt es diesen Wald, die romantische Wildnis in Wirklichkeit gar nicht mehr. Immerhin ist der allergrößte Teil des Waldes, zumindest in Deutschland, domestiziert. Seit Edmund Burke zielen (naive) Ästhetiktheorien immer wieder darauf ab, dass schön ist, was überwältigt – wie ein riesiger Berg, ein Sonnenaufgang oder eben ein schillernder Wald. Dieses Gefühl der Überwältigung ist in der Realität heut beinahe unmöglich zu haben, letztlich kommen doch immer wieder Kinder, alte Herren mit Hund oder Damengesangsvereine auf Wanderung zwischen uns und das Gefühl der Überwältigung. Das Bedürfnis nach dieser Form geistiger Erhebung bleibt jedoch – und Julia Kernbachs Fotografien können uns dieses Gefühl auf reflektierte Weise zurückgeben, sie fügt also der Überwältigung der Natur durch das Medium unseres Blicks die Dimension der Selbstbezüglichkeit hinzu. Um dem einen Begriff zu geben, könnte man mit Adornos Nichtidentitätstheorem argumentieren, das die Kraft eines jeden Kunstwerks daran bemisst, ob in dem was wir sehen, ein Zusätzliches, ein kritisches Mehr an Gedanken mittransportiert ist. Etwas, das über eine Analyse des Sichtbaren (Werk) und zu Analysierenden (Geschichte, Konzeption) hinausgeht. Eine Reflektion mit offenem Ausgang – genau darum schauen wir uns Kunstwerke an, wir folgen einer visuellen Verlockung und landen in einer Zone des Ungewissen, der Gefahr. Verlockung und Gefahr, hier schließt sich der Kreis meiner Ausführungen.

Überwältigt sind wir also letztlich durch Kernbachs Bilder von uns selbst, dem Potential im Menschen, zu dessen Illustration oder Bewusstwerdung wir die Auseinandersetzung mit dem Äußeren, nicht in uns Liegenden, benötigen.

So lernen wir von der Natur das Denken und von der Fotografie, dass man Denken sehen kann. Und dass dies auch noch schön ist, zeigt uns Julia Kernbach.
Herzlichen Dank.

Daniel Neugebauer 2007

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