Tapete
Julia Kernbach
Tapete, 2006
Rauminstallation in der Marta Kapelle
9. November – 10. Dezember 2006
Die Installation Tapete von Julia Kernbach besticht im ersten Augenblick durch die Leere des Raumes. Ein heller Teppich, eine Fußbodenleiste und eine Fototapete an den Wänden skizzieren einen Wohnraum. Das minimalistische Interieur steht der dichten Struktur des Tapetenmotivs gegenüber, das uns in seinen Bann zieht. Indem die Künstlerin Aufnahmen vom heimischen Wald mit Hilfe digitaler Techniken übereinander lagert, schafft sie dichte, scheinbar undurchdringliche Strukturen, die ganz und gar nicht mehr an die gewohnten Kulturlandschaften des deutschen Waldes erinnern, sondern eher Vorstellungen von fantastischen Märchenwäldern oder einem längst zerstörten Urwald wecken. Es entstehen dunkle Nischen, geheimnisvolle Schatten und Spuren sowie zauberhafte Durchblicke, die den Tiefensog des Waldmotivs verstärken. Fototapeten schmückten vor allem in den 70er und 80er Jahren die deutschen Wohnzimmer. Sie stehen für die Sehnsucht des Menschen, dem stereotypen Alltag zu entfliehen. Mit Strand-, Berg- oder Waldmotiven erweitern sie den Wohnraum um den Bildraum und versetzen den Betrachter vom Hier und Jetzt in eine jenseitige, fiktive Welt.
Julia Kernbachs Rauminstallation Tapete ist eine experimentelle Erweiterung ihrer jüngsten Serie von Waldfotos. Die Meisterschülerin des international renommierten Fotokünstlers Thomas Ruff bedient sich gewöhnlich einer sehr sachlichen und nüchternen Präsentation ihrer Arbeiten. Wenn sie auf ihren Wanderungen durch den Wald „Material“ für ihre Montagen „sammelt“, geht es ihr jedoch nicht um die Dokumentation einer präexistenten Wirklichkeit, sondern eher um die Beobachtung und Neuerfindung von Strukturen: „Mich interessiert eigentlich eher, wie etwas dargestellt ist und nicht so sehr, was dargestellt ist. Für mich ist immer das Bild alleine wichtig und nicht so sehr seine Referenz. An dem Bild interessieren mich seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die versuche ich zu verfolgen und nachzuvollziehen“ (Julia Kernbach). Sie schafft in ihren Fotografien neue, fast abstrakte Momente, wobei der Charakter des Motivs und unsere Wahrnehmung in den Vordergrund tritt: Die geheimnisvolle Tiefe des Waldmotivs, das in einer romantischen Bildtradition steht, wirkt bedrohlich und reizvoll zugleich. Lassen wir uns darauf ein, zieht es uns in den Bann, und ehe wir uns versehen geraten wir tiefer und tiefer in den dunklen Wald hinein…
© Friederike Fast