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Viel Wald


Friederike Fast

„Endlich bin ich hier in deinem Schaudern / Schöne Wildnis du!“
(Friedrich Wilhelm August Schmidt: Die Wildniß, 1793)

Die deutsche Kulturgeschichte ist – wie keine andere – eng mit dem Wald verknüpft. Nicht nur in Heldensagen und Märchen begegnet uns das Waldmotiv, vor allem in der Kunst und Literatur der Romantik und auch in der Ideologie der Nationalsozialisten spielt der Wald eine wichtige Rolle. Dabei wird das Waldmotiv von verschiedenen Vorstellungen begleitet. Diente der Wald dem Menschen in der Vergangenheit als Nahrungs- und Rohstoffquelle (Früchte, Kräuter, Waldtiere, Brennholz, Baumaterial), war er zugleich ein Ort der Gefahr vor wilden Tieren und Räubern oder Ort der Verbannung. Erst durch die zunehmende Erschließung und Kultivierung wurde der Wald zu einem kontrollierten Raum. Als strukturierter Forst mit Wanderwegen, Bänken, Wegweisern und verkehrstechnisch gut angebunden fungiert er heute vor allem als Erholungsgebiet.
Seit 2005 arbeitet die Düsseldorfer Künstlerin Julia Kernbach an der Fotoserie „Viel Wald“, die eine Reihe von Waldmotiven umfasst. Indem die Künstlerin digitale Aufnahmen von Wäldern im Sandwich-Verfahren übereinander schichtet, schafft sie scheinbar undurchdringliche Strukturen, die nicht mehr an die gewohnten Kulturlandschaften des deutschen Waldes erinnern, sondern Vorstellungen von einem fantastischen Märchenwald oder einem längst zerstörten Urwald wecken. Bemooste Stämme, Blattwerk, Tannennadeln, Tannenzapfen und Gestrüpp verzweigen sich zu einem dichten Geflecht aus organischem Material. Nur wenige zauberhafte Durchblicke erhellen die dichte, geheimnisvolle Waldstruktur. Wie durch Magie entstehen bei der Überlagerung der Bilder stellenweise geisterhafte Spuren, die an Bewegungsunschärfen mysteriöser Waldbewohner erinnern. Der bestechende Detailreichtum der großformatigen Fotoabzüge lässt den Betrachter dichter an das Bild herantreten. Doch auch in der näheren Betrachtung lässt sich der Gesamtzusammenhang der Waldstruktur nicht besser erschließen. Oben und unten können nicht klar unterschieden werden, und es gibt keine Hinweise auf einen realen Ort oder Jahreszeiten, die der Zuordnung dienten. Räume, die sich an einer Stelle öffnen, verschließen sich sogleich wieder, so dass der Betrachter zwar durch einen Tiefensog in die Landschaft eintritt, es ihm aber zugleich schwer fällt, sich selbst in diesem konfusen Raum einzuordnen. Das camouflagehafte Grün-Braun mit seinen dunklen Nischen und geheimnisvollen Schatten scheint ein Rätsel zu bergen.
Julia Kernbach geht es bei der Konstruktion der Waldmotive nicht um eine Abbildung der Welt: „Mich interessiert eigentlich eher, wie etwas dargestellt ist und nicht so sehr, was dargestellt ist. Für mich ist immer das Bild alleine wichtig und nicht so sehr seine Referenz“ (Julia Kernbach). Damit knüpft sie an eine romantische Bildtradition an. Die Künstler der Romantik entwarfen als Gegenreaktion auf die krisenhaften gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit Ideallandschaften, die geografisch nicht mehr klar zu lokalisieren sind. Auch Julia Kernbach kreiert mysteriöse Un-Orte, die den ambivalenten Symbolcharakter des Waldes – bedrohlich und reizvoll zugleich – aufgreifen.
Als Erweiterung ihrer Waldserie entwickelte Julia Kernbach im November 2006 eine Rauminstallation mit dem Titel „Tapete“ für die Marta Kapelle – einem externen Ausstellungsort des Marta Herford. Im ersten Augenblick fällt die karge Ausstattung des Raumes ins Auge: Ein heller Teppich, eine Fußbodenleiste, eine hölzerne Wandverkleidung und eine Fototapete skizzieren einen Wohnraum. Dem reduzierten Interieur steht die dichte Waldstruktur des Tapetenmotivs gegenüber, die uns in den Bann zieht. Waldmotive zählen zu den bevorzugten Landschaftsmotiven der Fototapete, die Ende der 60er Jahre in Mode kommt. Die Landschaftsabbildungen im Großformat erweitern den Wohnraum um den Bildraum und versetzen den Betrachter vom Hier und Jetzt in eine jenseitige, fiktive Welt. Oft zeigt die Fototapete geschönte Ansichten von der Natur, die der Betrachter aus der Geborgenheit des Wohnzimmers heraus rezipieren kann. Indem Julia Kernbach jedoch keine stereotype, dekorativ-idyllische Landschaft auf der Fototapete abbildet, in die sich der Betrachter hineinträumen kann, bricht sie mit den Gewohnheiten und enttäuscht die Seherwartungen. Die digitale Montage dient nicht der Konstruktion einer perfekten, schöneren Welt, sondern der Irritation und Verunsicherung des Betrachters, und er sucht in der Komposition vergeblich nach dem für das romantische Idyll charakteristischen Geborgenheitsraum mit haltgebender Rahmung.
Sowohl die Fotoserie „Viel Wald“ als auch die Rauminstallation „Tapete“ knüpft an die gängigen Vorstellungen an, die mit dem Waldmotiv verbunden sind. „An dem Bild interessieren mich seine Gesetzmäßigkeiten. Die versuche ich zu verfolgen und nachzuvollziehen“ (Julia Kernbach. Die Vorstellungen werden aber nur geweckt, um sie im nächsten Augenblick zu dekonstruieren. Durch das einfache Mittel der Bildmontage verfremdet Kernbach das gängige Waldbild und irritiert den Blick. Dieser Bruch mit den ästhetischen Erfahrungen des Betrachters lässt den stereotypen Charakter der Vorstellungen hervortreten und rückt sie ins Bewusstsein.
Zugleich manifestiert sich in Kernbachs Arbeit das komplexe Verhältnis von Mensch und Natur. Die Irritation des Betrachters spiegelt das Scheitern der menschlichen Bemühungen, die übermächtige Natur zu kontrollieren und zu domestizieren und den hoffnungslosen Versuch, dem Menschen einen angemessenen Platz in der Natur zu verschaffen. Auch nach analytischer Betrachtung bleibt die Waldstruktur ein rätselhaftes Dickicht. Und im vexierbildhaften Hin- und Herschwanken vom Detail auf das Ganze, verliert sich der Betrachter in der dichten Wildnis, es entsteht ein Gefühl von Schwindel, und er gerät immer tiefer in den dunklen Wald hinein...